Zeit

Von Dorothee Witt – Die Inspiration für dieses Gedicht brachte eine Schulsanitäterfortbildung, in der die Ausbilderin davon erzählte, dass beim Stand der Malteser in der Innenstadt 98% der Leute mit der Anmerkung “keine Zeit” vorbei hetzen, statt ihre Erste-Hilfe- Kenntnisse auffrischen zu wollen/können.

Der Kontrast bzw. das Paradoxon zwischen der fehlenden Zeit und der abgelaufenen Zeit eines Menschen, der “deshalb” nicht gerettet werden könnte, ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Stunden, Minuten, Sekunden-
Ein Augenblick und sie sind verschwunden.
Ich renne und renne, und hoffe auf das Irgendwann,
auf den Moment, in dem ich etwas bewirken kann.

Schule, Job, viel zu tun,
nie die Zeit um kurz zu ruh’n.
Denn die Zeit mit ihrer Stoppuhr sitzt,
mir sagend, was alles verloren ist.
Tickend, ratternd, rennend,
für alles sein Ablaufdatum kennend,
hetzend, unhaltbar rennend,
die Vergängnis bei ihrem Namen nennend.

Stunden, Minuten, Sekunden,
von ihnen gehetzt, geschunden.
Ich renne und renne, und hoffe auf das Irgendwann,
den perfekten Moment, das Dann.

Das Nichts ist reich definiert,
doch ein Versagen garantiert,
der Geist ist willig, rasend denkend,
doch gegenüber der Zeit nur sein Haupte senked,
als ob ein Erwachsener sich in Kinderschuhe zwängte,
die Zeit jeglich Vorhaben verdrängte.
Zu viel zu tun in zu wenig Zeit,
was bleibt dort als Zerrissenheit?

Stunden, Minuten, Sekunden,
und man starrt wie festgebunden,
starrt in die tiefste Dunkelheit,
keuchend, im Rücken die Zeit.
Ich renne und renne, nie weiter entfernt vom Irgendwann,
so stoppt doch die Welt, haltet sie an!

Wann waren die Zeiten noch unbeschwert,
Wann war der Moment noch etwas wert?
Das letzte Lachen längst verstummt,
ein jeder monoton, vermummt.
Schillernde Seifenblasen aus Kindertagen,
sind heute die Sorgen, die uns plagen.

Stunden, Minuten, Sekunden,
man sagt, die Zeit heilt alle Wunden.
Doch stattdessen, voller Grausamkeit,
holt sie mich ein, die Zeit,
rammt mir einen Dolch durchs Herz,
denn sie summiert ihn nur, den Schmerz.
Ich renne und renne, doch irgendwann, der Moment, in dem ich nicht mehr kann.

Ich liege am Boden, resigniert,
so bleich, so schwach, kapituliert.
Ein jeder rennt um seine Zeit,
bis er konfrontiert ist mit der Endlichkeit.
Doch dann, dann ist es bereits zu spät,
wenn der Wind lau ist, nicht mehr weht,
wenn der Vogel nicht mehr singt,
nur noch Weinen durch den Dunst klingt,
wenn das letzte Korn der Sanduhr fällt,
deine Welt zusammenfällt,
wenn alles stumm ist, zugleich laut schreit,
ist sie verstrichen, vorbei, deine Zeit,
Vorbei, ohne sie je gelebt zu haben,
sich erfreut zu haben an der Welt und ihren Gaben.

Stunden, Minuten, Sekunden,
man geht in sich selbst verschwunden.
Weit weg von jeglicher Konfrontation,
das Irgendwann als Todesillusion.
Gerannt, ohne sich je bewegt zu haben,
man selbst geschunden, die Seele voll Narben.

Doch wenn der Rauch sich langsam lichtet,
man hinter den Wolken die Sonne sichtet,
wenn man seine Träumlichkeit realisiert,
die Botschaft allmählich akzeptiert,
dann ist es Zeit,
Zeit für strahlende Farben der Freiheit.
Das schwärzeste Schwarz vom Moment an bunt,
Sinfonie in jeder Lebensstund’.

Stunden, Minuten, Sekunden,
den Sinn des Lebens in sich gefunden.
Ein jeder Augenschlag voll Energie,
statt Zerrissenheit nun Euphorie.
Ich renne und renne, an der Hand der Zeit,
frei bis zur Unendlichkeit,
renne zu auf das Irgendwann,
die vermeindliche Perfektion, das Dann-
zerschlage es, betrachte die Illusion entsetzt,
denn was ich nie gewusst- die Schönheit spielt sich ab im Jetzt

(Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag erschien das erste Mal in der Graf-Fiti Weihnachtsausgabe 2016)