Rezension: Tyll

Gedankenlesen in einer vergangenen Zeit:

Von Mailin Herbrechtsmeier – Tyll Ulenspiegel kommt in ein Dorf irgendwo im deutschen Reich. Die Menschen, die ein gar schrecklich einfaches Leben führen, sind begeistert. Sie wohnen Ulenspiegels Vorführung bei, lassen sich in den Bann ziehen, sie amüsieren sich – zunächst. Denn kein Gaukler vermag wie Tyll den Menschen mit List und Tücke aufzuzeigen, wie grausam sie wirklich sind. Der anfängliche Witz verwandelt das Publikum aus Dorfbewohnern bald zu einer Zusammenkunft von Kombattanten auf einem Schlachtfeld, die lang gehegte Konflikte austragen. Tyll ist bereits weitergezogen, als sich die Brutalität zu betrübten Schweigen wendet, doch dann kommt der wahrhaftige Krieg ins Dorf und hinterlässt nur die Geister der Toten.

“Uns andere hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Bachs sehen. […] Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.” 

So endet das erste Kapitel von Daniel Kehlmanns neuem Roman „Tyll“. Der Autor erweckt den legendären Schelm Till Eulenspiegel, hier als Tyll Ulenspiegel bezeichnet, als Anachronismus in den Wirren und Wüstungen des Dreißigjährigen Kriegs. Geschichtlich betrachtete ist dies unmöglich, denn der wahre Tyll starb bereits rund 300 Jahre vor Ausbruch des letzten großen Religionskriegs in Europa.

Dennoch – Tyll, Angehöriger des fahrenden Volks, bildet die perfekte Leitfigur, für einen Roman, der sich zum Ziel setzt, das Erfahren, Leben, gar das Denken der Menschen in den verschiedenen Ständen abzubilden. Als Gaukler trifft er im Roman auf einfache Bauern, Gelehrte und Könige, auf Menschen aus dem Süden, wie auch aus dem Norden des deutschen Reiches. In einer Zeit, in der weder große Reisen noch die Mischung der Stände üblich sind, fungiert Tyll als Verbindungglied, hält sich häufig nur im Hintergrund, doch zeigt derart ein umfassendes Bild des Krieges.

Die Sprache ist dabei keinesfalls antiquiert. Kehlmann schreibt modern, doch seinen Charakteren und der Zeit angemessen. Dabei greift er nicht auf zeitwidrige Konzepte zurück. Teils magisch stellt er den Aberglauben dar, der tief im Zeitgeist verwurzelt ist. Stellenweise geht es mit dem Teufel zu und der Leser kann über finsteren, bösen, zynischen Humor schmunzeln, um sich danach schockiert zu fühlen. Man stelle sich hierzu die Metamorphose Tylls vor, der als Kind scheinbar von einem Dämon in Besitz genommen wird, oder einen wahnhaften Richter beim Hexenprozess, der, im Glauben, dem Satan gegenüberzustehen, die gleiche Angst empfindet wie der Verurteilte.

Kehlmanns Charaktere faszinieren. Tyll trifft vielmehr auf absurde Karikaturen als auf denkbare Menschen. Sein Vater ist Müller und laienhafter Naturheiler, dessen wirren Gedanken den Horizont seiner Zeitgenossen übersteigen. Sein Mentor – ein Antonym auf den albernen Gaukler – ist ein herzloser Widerling. Er begegnet der tragischen Figur des Winterkönigs, dessen Geistesarmut ihn zum Sympathieträger erhebt. Ebenso der Gelehrte und Drakontologe, der im Roman immer wieder erscheint, wirkt als groteskes Zerrbild. Aus Selbstüberschätzung will er die Welt erklären, doch an den Grenzen seiner Erkenntnis schafft er eine eigene Wahrheit.

Wahrheit und Aberglaube – diese Themen durchsetzen die gesamte Handlung, verbinden die losen Begegnungen und schaffen ein rundes Gesamtbild. So zeigt bereits die geschichtliche Bühne des Dreißigjährigen Kriegs einen Glaubenskonflikt auf. Die Hexenhysterie, Geisterglaube, mystifizierter Schabernack und Drakontologie unterstreichen dies.

Dabei muss sich der Leser bewusst sein, dass für die Menschen im Barock der Aberglaube die Wahrheit ist. Himmel und Hölle sind reale Orte wie Augsburg und Westfalen, eine ausgesprochene Verwünschung wirkt gewiss und in jedem Hexenprozess lauert auch die Gefahr, dass sich der Teufel einmischt. Kehlmann schafft dieses Bewusstsein. „Tyll“ zu lesen ist wie Gedankenlesen in einer vergangenen Zeit. Ob Aberglaube, bäuerliche Einfältigkeit oder Besorgnis der Winterkönigin über ihre Außenwirkung; Die Denkweise ist plastisch und im Gegensatz zur Leitfigur Tylls keinesfalls anachronistisch.

Zugegeben – für mich war „Tyll“ ein Coverkauf. Die wuchtige Neonschrift auf dem unheimlichen Gemälde zog mich an, jedoch war der Rückseite des Buchs in seiner eigeschweißten Pracht kaum Informationen über den Inhalt zu entnehmen. Neugier ist eine mächtige Empfindung, sodass ich das Buch lesen wollte. Keine einzige der knapp 500 Seiten habe ich bereut. Entsprechend empfehle ich jedem den Roman, der etwas Außergewöhnliches lesen möchte, der historisch interessiert ist und Wert auf diverse, ausdrucksstarke und sonderbare Charaktere legt.