Maul halten, nachsitzen!

Wie die Politik der Jugend den Mund verbietet:

Kommentar von Maik Niederstein – Am 24. September waren Wahlen. Am 15. Oktober auch. Na und? Der Jugend können diese Daten ziemlich egal sein, sie ist vom essentiellen Teil der Demokratie ausgeschlossen. Kaum etwas regt mich mehr auf, als die Werbungen im Fernsehen und im Internet, die Bilder, Plakate, Radiosendungen, YouTube-Videos, Kommentare und Zeitungsartikel die mich zum Wählen auffordern.

Sie richten sich häufig besonders an junge Erstwähler: „Geht wählen, es ist eure Zukunft“ und „die Jugend entscheidet“ oder „ihr habt es in der Hand“. Diese Sprüche machen mich wütend, richtig wütend, sie erscheinen mir wie Hohn und Spott für all die Unter-18-jährigen, die an diesen zwei bedeutenden Sonntagen rein gar nichts in der Hand haben. Die hilflos vor den Nachrichten sitzen müssen, zusehend wie erneut eine Regierung gebildet wird, die sie nicht gewählt haben. Das wird nicht unsere Regierung sein, wahrscheinlich werden ihr unsere Wünsche, Ideen und Vorstellungen wie immer vollkommen egal sein. Was zählt ist was die Wähler wollen. Wir sind egal.

Wir werden damit vertröstet, unsere Eltern würden auch nach dem entscheiden, was für uns das Beste sei. Des Weiteren könnten wir schließlich immer noch partizipieren und uns politisch engagieren, weil man ja als Jugendlicher ernst genommen wird… nicht. Zuletzt lässt man uns in U-18-Wahlen zwar schon mal üben, deren Ergebnisse interessiert die Politik jedoch so ungefähr gar nicht. Ist es die Hoffnung des Establishments, dass wir wenn wir wählen dürfen schon mit anderen Dingen beschäftigt sind, mit Arbeit und Wohnungssuche, mit Kinder kriegen, weber-grillen und Fußball gucken, sodass wir nicht mehr merken was alles krumm läuft in Deutschland?

Ich bin ein Jahr zu jung um „reif“ genug zu sein um zu wählen. Ich habe über ein Jahr Politik und Geschichte Leistungskurs hinter mir, bin Mitglied in der Schülerzeitung und der Debattier-AG, nehme seit Jahren an Model-United-Nations teil und, was am Wichtigsten ist, werde dieses Schuljahr mein Abitur in Händen halten, wenn ich noch nicht mal volljährig bin. Ich gucke am 24. September und 15. Oktober zu, weil ich nicht alt genug bin, dabei habe ich mehr Ahnung von Politik, als einige der Menschen die zur Wahl stehen, zumindest auf Seiten der AfD.

Das Abitur ist nicht nur ein Schulabschluss, es ist ein Reifezeugnis (woran uns die Lehrer Tag für Tag erinnern). Wenn die Grundvoraussetzung für das Wählen eine gewisse geistige Reife ist, warum darf man dann mit dem Reifezeugnis nicht wählen? Ich fordere, dass ein jeder, welcher die allgemeine Hochschulreife, die Fachholschulreife oder die fachgebundene Hochschulreife bezeugt bekommt wählen darf! Ich gebe zu, dass diese Maßnahme, insbesondere durch die Wiedereinführung von G-9 nur wenigen jungen Menschen zu der Gerechtigkeit helfen würde, die sie verdienen.

Deshalb müssen Tests eingeführt werden in denen in denen Grundwissen zu unserem politischen System, zu seiner demokratietheoretischen Grundlage, zum aktuellen Bundes- und Weltgeschehen, sowie zu den Zielen und Versprechen der Parteien abgefragt werden. Wer diese Tests besteht, wird zur Wahl zugelassen. Die Methodik, dass grundsätzlich jeder ab 18 wählen darf ist zwar kritisch zu hinterfragen, jedoch fester Bestandteil der demokratischen Ordnung (in der wir leben und nach der wir streben). Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert einer der aufgeklärtesten und gebildetsten Jugenden der Mund verboten wird!