“Immer noch besser als Twilight” – Kurzgeschichte

Von Lisa L. Habers – Sie trafen sich nachts im Mondschein, als bereits alles schlief. Obwohl der Zorn ihres Lehrers ihnen bei Erwischen ihres heimlichen Spiels grauen würde, wagten sie es, denn sie waren jung und verliebt, und junge Verliebte setzten ihre Liebe über alle Gefahren.

“Oh William”, seufzte Anna, als sie im Licht der fast kaputten Neonröhre sich endlich mit ihrem Liebsten vereint fand. “So sag: Wie kann diese Fehde unserer Zimmer eine Liebe – die doch so stark und schön ist – so grausam entzweien?” “Allein Google könnt’ das beantworten”, erwiderte William -den sie liebevoll immer Will nannte- traurig. “So scheint uns denn kein Ausweg aus dieser misslichen Lage?”, flehte sie, die Verzweiflung und der Kummer ließ ihre Stimme zittern. “Ich fürchte nicht, Annchen”, gab er zurück. “So komm doch mit zu mir! Oder ich folge dir!”, stürmte sie hervor, doch ihr Liebster schüttelte den Kopf.
“So gedenke doch des Streites, der Mädchen und Jungen unserer Zimmer zu Feinden macht. Zudem ist es einem Jungen nicht erlaubt, mit Mädchen seinen Schlaf zu teilen, nicht auf dieser Fahrt unserer Klasse. ” Anna betrachtete ihren Geliebten lange und ernst, deutete anschließend auf seinen Schritt und sprach: “An deiner Männlichkeit lässt sich was ändern.” Da erstarrte Will und ward blass. “Oh bitte, nein”, flehte er. “Dieser Preis ist zu hoch, diesen Preis will ich nicht zahlen!” “Der Liebe soll kein Preis zu hoch sein”, widersprach Anna. “Aber lass dies nicht das Problem sein. Ich will dich hier treffen, Liebster, morgen. Zur selben Zeit, auf dass wir bis dahin eine Lösung fanden.” Will nickte nach einer Zeit des Zögerns, dann zog er seine Angebetete an der Hüfte zu sich heran und küsste sie inbrünstig, bevor er sie fallen ließ und in den Schutz seines Zimmers zurückkehrte.

Am nächsten Tag sollte die ganze Schulklasse einen Ausflug in die Parks der Stadt wagen, um die Dinge zu lernen, die bald wieder vergessen sein sollten. Die Klasse teilte sich in mehrere Zusammenkünfte, die meist aus 3 oder 4 Personen bestanden und in denen sich selten das Geschlecht mischen würde. Will, der den Tag entzweit von seiner Liebe ausharren musste, verbrachte ihn in Gesellschaft von Dave, seinem Freund und Zimmergenossen, welcher schon bald von dem träumerischen Schmachten seines Freundes aus allen Ohren blutete. “So vergiss doch das Mädchen”, forderte er schließlich energisch. “Wir sind hier; sieh die Stadt, sieh uns. Wir sagten, wir beide wollten hier in Freud’ leben, doch wer bist du, der du dir ein Unglücksweib an den Busen wünschst? Doch nicht mein Freund, mein Bester, mit dem ich Spaß und Leid teilen kann, nur ein verlorener Mann, zerbrochen an dem Felsen der Weibeskraft.” “Wohl wahr”, widersprach Will. “Aber nicht ich bin es, die sie begehrt, sondern mein Herz. Mein Herz, dieses ungestüme, kleine Ding, welches mich zu ihr zieht, Tag und Nacht. Und es schmerzt mich, dass ich nicht bei ihr sein kann, es schmerzt mich, dass ich mir ein Ende meines Lebens wünschte, wenn ich dadurch nicht noch weiter auf meine Liebe warten müsste.” Dave klopfte seinem Kumpanen mitfühlend auf die Schulter. “Ich fühle mit dir dein Leid”, gab er zu. “Doch verzehre dich nicht nach dem Unmöglichen. Lasse nicht zu, dass der Frauen mörderischer Glanz dir deinen Verstand raubt.” “Verstand, verstehen!”, gab Will aufgebracht zurück. “Wie willst du verstehen, du hast nicht einmal wirklich geliebt!” Dave gab auf dieses keine Antwort, nur das Gewitter, was in seinem Blick aufzog, verriet seine Gefühle.

An diesem Abend wartete Anna auf der kleinen Dachterrasse der Jugendherberge, in der sich die Tragödie um unsere beiden Geliebten abspielte. Sie hatte eine Nachricht von Will erhalten, in der er darum bat, den Treffpunkt auf diesen luftigen Höhen zu setzen, und so erschrak sie sehr, als die schwere Eisentür, die sie zuvor auf die Dachterrasse gelassen hatte, nicht ihren Geliebten, sondern dessen Freund freigab, der sofort energischen Schrittes auf sie zustürmte und sich mit einem Blick, in dem wilde Verdammnis stürmte, vor ihr aufbaute. “Sag, Weib, was willst du von Will?”, dröhnte er, ohne das gemurmelte “Hallo” von Anna zu beachten. Diese reagierte verwirrt, wenn nicht sogar verstört. “Wieso fällt meine Liebe zu Will in dein Interesse? Und wo ist Will? Er wollte zu mir kommen. Genau jetzt.” “Will hat eher dich nicht zu interessieren”, giftete Dave zurück. “Und er wird nicht kommen. Jedenfalls nicht hierher. Ich habe die Nachricht geschrieben, die dich hierher brachte.” “Du?”, fragte Anna verwundert. “Aber wieso?” “Weil Will mein ist. Er war schon immer mein und wird immer mein sein. Ich liebe ihn mehr, als du es jemals können wirst. Und meine Sehnsucht zu ihm ist wie das tausendfache seiner Sehnsucht zu dir.” Anna, die erst nicht wusste, was sie sagen wollte, versuchte, sich in ihrer Liebe zu Will zu verteidigen. “Wie kannst du behaupten, dass ich meinen Geliebten nicht lieben sollte?”
“Weil dein Geist ihm nicht gut tut. Du mit deinem Gift und deiner Weiblichkeit wirst ihn nur ins Verderben stürzen!”, gab Dave gleich zurück. “Dein ist nicht das Recht, so zu sprechen! Du weißt nichts über uns!”, fuhr Anna ihn an. “Oh doch, denn der Will, den du ‘dein’ zu nennen wagst, ist der, mit dem ich meine Kindheit teilte.” Dave sprach mit gesenkter Stimme und Augen, in denen die Manie brannte. “Will ist mein Vertrauter, mein Freund, und der, den mein Herz liebt. Und du Hexe wagst es, ihn von mir zu nehmen!” Anna, bewegt und verzweifelt durch die Worte des Dave, bekam kaum noch die Zeit, nach einer Antwort zu suchen, da in diesem Moment die Eisentür aufgestoßen ward, und jemand das Dach betrat. Dave wandte sich um, um in die verwirrten Augen seines Freundes zu blicken, der die Szenerie betrachtete. “Was ist los?”, fragte Will. “Welches Spiel spielt hier? Dave, wieso sah ich eine Nachricht auf meinem Handy, an die zu schreiben ich mich nicht erinnere? Was tatest du?” “Oh Will”, antwortete Anna anstelle von Dave. “Es war Intrige! Es war Hinterlist! Dave, dieser Schuft, wagte es, mich hierher zu locken, um uns zu trennen!” “Ist es wahr gesprochen?”, fragte Will, während er mit seinen Augen Dave fixierte. Dieser blickte stur zurück. “So ist es.” “Wieso?” Dave schien mit sich selbst zu hadern, trotz allem antwortete er nach einiger Zeit. “Weil ich dich liebe. Mehr noch, als du denken kannst. Mehr, als Zahlen zwischen Null und eins sind. Sogar mehr noch, als die Sonne am Himmel brennt. Ich liebe dich, und es schmerzt mich jeden Tag, es dir nicht sagen zu können. Es schmerzt mich, dich mit anderen wie diesem Mädchen zu sehen. Und ich will dieses Leben nicht, wenn du diese Liebe nicht erwiderst.” “Und dies tut er auch nicht.”, mischte Anna sich an Dave gewandt ein. “Du wirst ohne ihn leben müssen. Nicht wahr, Will?” Doch Will antwortete nicht. Stattdessen betrachtete er Dave, bevor er lächelte, mit schnellen Schritten vortrat und ihn küsste. Gleichermaßen Dave wie Anna schienen überrascht, wobei Anna vor Frust und Schmerz einen Schmerzensschrei gen Himmel stieß, ehe sie auf die Knie fiel. Doch Will wie auch Dave sahen nur sich an, und verschwendeten keinen Blick an die Verflossene von Will. “Du… du empfindest wie ich?”, fragte Dave zögernd, als Wills Lippen seine endlich freigegeben hatten. Will nickte. “Schon immer. Ich hatte bloß nie den Mut, es zu sagen. Ich versuchte, es zu überspielen, es zu verstecken, mit Anna.” Die genannte saß noch immer weinend auf dem Boden, doch als ihr Name genannt ward, blickte sie auf und richtete ihre vor Kummer und Gram leuchtenden Augen auf ihren ehemaligen Geliebten. “Ich habe dich geliebt.”, sagte sie mit heiserer Stimme. “Ich wäre auf ewig bei dir geblieben.” Will nickte. “Aber ich kann dir diese Liebe unmöglich zurückgeben. Dave ist der Teil, welcher mir fehlte. Dave ist mein Herz, mein Licht in der Nacht.” “Ich hätte dein Herz,  dein Licht sein können!!!”, schrie Anna verzweifelt zurück. “Das stimmt”, entgegnete Will. “Doch du schlägst weder stark genug, noch scheinst du hell genug, um mich zu leiten.” Stille folgte auf diese Antwort, die Anna erst wieder brach, als sie nickte, aufstand und sich zur Kante des Daches drehte. “So will ich dieses Leben nicht mehr.”, sagte sie während sie Will den Rücken zuwandte, dann warf sie den beiden einen letzten verbitterten Blick über die Schulter zu und sprang. Nach wenigen Sekunden war sie auf dem Asphalt aufgeschlagen. Unten zog eine Straßenbahn wie gewöhnlich ihre Wege, die sie trotz des reglosen Körpers, der auf der Strecke lag, gemächlich fortsetzte.
Oben reagierte Will schockiert, seine Hände zitterten, was jedoch unterbrochen wurde, als Dave sie ergriff und Will ansah. Daves Blick beruhigte ihn, sodass er schließlich lächelte, bevor die Lippen beider sich erneut vereinigten.