Ein Interview mit Oedo Kuipers

Was passiert, wenn man sein Leben lang immer wieder in unterschiedliche Rollen schlüpft und damit sein Hobby zum Beruf macht?

Ein Interview von Josefine Piezunka und Jana Kilian – Der 28-jährige Oedo Kuipers ist seit 2013 Musical-Darsteller und erlangte 2015 durch seine erste Titelrolle in „Mozart!“, gespielt in Wien, große Bekanntheit. Die Redaktion von Graf-Fiti bekam die Möglichkeit, mit dem gebürtigen Niederländer über seinen Beruf zu sprechen.

 

Du spielst ja seit Oktober den Jesus im Stück ,,Jesus Christ Superstar“ hier in Oldenburg und bist in der Musicalszene nicht gerade unbekannt, hast auch schon in großen Häusern in Wien, Shanghai, Hamburg und Füssen gespielt. Wie gefällt es dir hier in Oldenburg?

Sehr gut! Also ich bin selber aus dem Norden, meine Eltern wohnen eineinhalb Stunden von Oldenburg entfernt, deswegen fühlt es sich sehr wie Zuhause an. Ich bin jemand, der mag den Norden sehr und hier spürt man die nordische Gemütlichkeit voll. Einfach schön hier! Das Theater ist wunderbar. Wenn man als Gast kommt muss man immer abwarten, wie man empfangen wird, das war sehr, sehr, sehr gut hier! Sehr schön.

Wurdest du hier in Oldenburg oder in anderen Städten auch schon mal auf der Straße erkannt oder angesprochen?

Nein. In Oldenburg noch nicht. Aber in Shanghai, und Wien auch, das ist aber natürlich auch eine sehr Musical-affine Stadt, aber hier Gott sei Dank noch nicht.

 

Die Graf-Fiti konnte den Star aus Musicals wie “Mozart!” Und “Jesus Christ Super Star” exklusiv im Theaterhafen interviewen.


Ist es unangenehm, angesprochen zu werden?

Also, ja und nein. Es ist cool, dass Leute dich schätzen und so, dass Leute die Vorstellung gesehen haben, aber manchmal will man einfach, so wie Leute in anderen Berufen, nicht mit Arbeit beschäftigt sein. Aber es hält sich noch einigermaßen in Grenzen.

Der Jesus, das ist ja eine historische Figur, welche jetzt modern inszeniert wurde. Wie schafft man es denn, sich als Schauspieler in die Rolle des Jesus einzufinden und diesen wirklich glaubhaft zu verkörpern?

Naja, natürlich hat der Regisseur eine Idee, ein Konzept und dann mag ich es immer mich – ganz unabhängig davon, ob ich die Geschichte oder den Charakter schon kenne – in die Rolle und in die Vorstellung des Regisseurs hinein zu versetzen. Und dann entsteht da so eine Art Person.
Dann hat der Regisseur mir noch ein paar Beispiele genannt, zum Beispiel so in Richtung Curt Cobain, von Nirvana. So ein bisschen launisch und ein bisschen dunkel fast, und, ja, damit macht man sich ein Bild und guckt sich zum Beispiel Videos an von Curt Cobain. Dann entwickelt man den Charakter so, wie der Regisseur möchte, dass Jesus in dieser Fassung ist.

Ist das die Taktik, mit der du an jede Rolle herangehst oder gibt es für jede Rolle unterschiedliche Herangehensweisen?

Wenn wir als Beispiel den Mozart nehmen, das ist ja auch eine echte Person gewesen: Ich glaube nicht, dass der in echt so gewesen ist, wie ich ihn gespielt habe. Das hat natürlich auch mit der Musik zu tun, mit der Rockmusik ist es das gleich wie hier [in „Jesus Christ Superstar, Anmerkung d. Redaktion].
Ich versuche einfach immer so viel wie möglich, eine wahrheitsgetreue Person zu spielen, dass das Publikum sagt: „Ok, ja, ich glaube ihm das, dass er das denkt“ und nicht, dass sie sofort von Anfang an denken: „Was ist das denn für ein Creep?“. Ja, so gehe ich jede Rolle an, dass man das glaubt, was der Schauspieler auf der Bühne macht, was er macht!

Hast du denn überhaupt noch Lampenfieber vor den einzelnen Aufführungen oder sind bei so vielen Aufführungen und auch bei der Gewohnheit die einzelnen Aufführungen irgendwann unbedeutend?

Na gut, wenn es einmal läuft… Zum Beispiel haben wir ja schon 15 Vorstellungen etwa im Staatstheater gehabt und davon ist dann Vorstellung 5/ 6/ 7 /8 /9 ohne Lampenfieber. Nicht, dass ich keine Spannung habe, Spannung ist immer gesund.  Aber wenn ich auf die Bühne trete, muss ich mich vorher nicht irgendwie vorbereiten. Das hat auch ganz viel mit der Musik zu tun, finde ich.
Musik ist für mich ganz wichtig. Aber jetzt für morgen, Lampenfieber habe ich nicht, aber schon ein bisschen Neugier und Aufregung, weil es eine neue Situation ist hier im Zelt am Hafen. Es ist quasi nochmal eine Premiere. Wirklich Angst oder so habe ich nicht, aber ich bin trotzdem sehr gespannt, ob alles klappt!

Gibt es ein Ritual, das du vor einem Auftritt machst?

Nein, ich persönlich nicht. Kann man machen, aber wenn man das vergisst und dann völlig kirre wird, weil man etwas vergessen hat, zum Beispiel nicht zuerst den rechten Schuh anzuziehen oder so, dann ist das nicht so gut! Ich mache mich selbst nicht so verrückt.

Wie eben kurz schon angesprochen, bist du ja nicht wirklich sesshaft und musst ständig deinen Wohnort wechseln. Aktuell pendelst du zwischen Oldenburg und St. Gallen in der Schweiz, wo du im Musical „Matterhorn“ mitspielst. Was bedeutet denn für dich persönlich „Zuhause“?

Also ich wohne in Hamburg und da habe ich mich, weil das mein erster großer Job war – ich habe in Hamburg „Phantom“ gespielt – sofort zu Hause gefühlt. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt.
Was für mich „Zuhause“ bedeutet, ist, meine eigenen Sachen zu haben. Mein eigenes Bett, eigenen Kaffee, solche Sachen. Eigene Dinge eben, weil man immer alles neu entdecken muss. Jetzt habe ich hier eine Wohnung, in St. Gallen sind wir dann im Hotel gewesen. Mittlerweile fühlt sich das auch ein bisschen wie zu Hause an, weil man immer im gleichen Hotel ist, aber ich bin eigentlich ganz gerne zu Hause.

Und wie oft fährst du dann so hin und her?

Jetzt ist es natürlich eine außergewöhnliche Situation, dass ich in zwei Produktionen gleichzeitig, also parallel, spiele. Nächsten Monat zum Beispiel bin ich zwei Tage in St. Gallen, dann komme ich wieder einen Tag hier her, dann wieder einen Tag nach St. Gallen, dann sind wieder ein, zwei Tage dazwischen und dann bin ich wieder für zwei Wochen hier; da komme ich also gar nicht nach Hause.

Wenn du dann länger an einem Ort bist, hast du denn überhaupt einen gleichmäßigen Tagesrhythmus oder ist jeden Tag etwas Unterschiedliches?

Es hängt vom Engagement ab. Wenn man wie hier am Staats- oder eben auch Stadttheater arbeitet, dann ist es sehr unregelmäßig. Da muss man wieder für Proben kommen, dann hat man mal zwei Tage einfach gar nichts und dann geht es wieder um zehn los für Proben am nächsten Tag.
Wenn man aber in so einer En-Suite-Produktion spielt, in großen Häusern wie in Hamburg, wie „Aladin“ oder „Mary Poppins“, da hat man einen ziemlich geregelten Tagesablauf. Das habe ich auch gemacht, anderthalb Jahre lang. Das ist ein fester Tagesrhythmus, aber es ist auch wahnsinnig anstrengend, weil man immer arbeiten muss, wenn andere Leute mit anderen Berufen frei haben.
Ein Wochenende ist in so En-Suite-Produktionen harte Arbeit: Freitagabend Show, Samstagnachmittag, Samstagabend, Sonntagnachmittag, Sonntagabend.

Wie bist du überhaupt zum Musical gekommen?

Ich komme aus einer musikalischen Familie, mein Vater ist Musiker. Meine Mutter singt auch, meine zwei Schwestern sind auch Musiklehrerinnen und deswegen war Musik immer da.
Ich habe auch „Musical-AG“ gemacht in der Schule und da habe ich schon angefangen, zu singen. Gesungen habe ich auch im Chor und dann irgendwann mit 18 wurde mir klar: „Hey, das ist ziemlich cool.“ Dann habe ich erst mit 18 Gesangsunterricht genommen und dann habe ich mich beworben für so ein Studium.
Ach ne, ja, ich war vorher noch in einer Castingshow drin! Und da hat mir Pia Douwes zum Beispiel gesagt: „Ich will dich wiedersehen, mach mal eine Ausbildung oder ein Studium und dann will ich dich wiedersehen.“ Und dann habe ich das gemacht und sie fünf, sechs Jahre später auf einer Gala wiedergesehen und gesagt: „Hallo, hier bin ich!“.

Es ist ja eigentlich ziemlich schwer, sich als Musical-Darsteller erstmal zu etablieren. Hat dir denn jemals irgendwer gesagt, dass du doch lieber „was Anständiges“ lernen sollst?

Ne, eigentlich nicht. Weil mein Vater vor 30 oder 40 Jahren in der exakt gleichen Position war. Der hatte etwas Anständiges gelernt und dachte: „Nee, das möchte ich nicht.“ Dann ist er halt auch zum Konservatorium gegangen und ist jetzt Musiklehrer.
Letztendlich hat doch alles geklappt und deswegen habe ich nie ein Wort gehört wie „Bist du denn sicher?“. Nee, nie. Und dafür bin ich sehr, sehr, sehr dankbar!

Hast du selber mal daran gezweifelt, dass es das Richtige ist, was du tust, grade weil es bestimmt in der Anfangszeit schwer war?

Ja klar! Also die Jobsicherheit habe ich nicht. Es läuft jetzt gut, aber ich will nicht sagen, dass ich nächstes Jahr wieder Jobs habe, das weiß man halt nicht.

Was für Eigenschaften muss man, gerade im Vergleich zu anderen Berufen, mitbringen, um Musical-Darsteller zu werden?

Ich glaube – aber das ist in jedem Beruf glaube ich gleich – wenn man richtig Erfolg haben will muss man eigentlich einfach Bereitschaft haben, da viel für auf zu geben. Ich war jetzt zum Beispiel drei Weihnachten
hintereinander nicht zu Hause.
Tja, das muss man halt wissen, weil man wie gesagt zu den Zeiten arbeitet, wo andere frei haben. Weihnachten, Silvester; jeder will eine gute Zeit haben und dann sorgen die Künstler dafür, dass es die gute Zeit gibt. Das muss man einfach kapieren und ich glaube, diese Bereitschaft auch dann diese Unsicherheit zu haben und immer an sich selber arbeiten zu wollen. Man ist nie fertig. Das macht es auch schön, finde ich, das hält es am Leben, aber ja, das glaube ich, ist das Allerwichtigste.

Also ist Flexibilität das Wichtigste?

Ja, und auch den Glauben zu haben, dass es schon klappt, ja. Wenn man in Panik gerät oder so, dann bewirkt das, finde ich immer, das Gegenteil.

Hast du auch schon mal darüber nachgedacht – oder gab es vielleicht auch schon mal Angebote – in einem Film mit zu spielen oder etwas fürs Fernsehen zu machen?

Nee, ich glaube, das hat etwas zu tun damit, dass in Deutschland die klassischen „Fächer“ wie Schauspiel und Tanz, sehr abgetrennt sind voneinander. Wenn man will kann man das schaffen, aber so zufällig hat mir noch keiner eine Filmrolle angeboten. In Deutschland würdest es für mich auch schwierig sein, weil ich natürlich kein Muttersprachler bin.
Vielleicht in Holland noch mal, da sind die Grenzen ein bisschen kleiner zwischen den Fächern. Das hat einfach mit der Kultur zu tun in Deutschland, es gibt in Deutschland natürlich schon eine lange Historie mit Opernhäusern und Schauspielhäusern und so.

Gibt es denn ein Musical, in dem du wahnsinnig gerne mal mitspielen wollen würdest oder was dich sehr reizt?

Ja, „Miss Saigon“ würde ich unheimlich gerne mal spielen, „Les Miserables“, „Westside Story“… Ja, es sind so ein paar, aber ich will mich nicht so festlegen auf ein paar Shows oder so. Ich will mich eigentlich begeistern können für jedes Stück, wo ich ein Angebot bekomme und wenn es dann nicht „Miss Saigon“ ist… whatever!

Für viele ist ja Musik ein Ausgleich neben der Arbeit, für dich ist jetzt ja Musik deine Arbeit, ist denn da Musik überhaupt noch ein Ausgleich? Machst du immer noch Musik in deiner Freizeit?

Joa, ja, das hat dann für mich auch nichts zu tun mit Arbeit oder so. Ich mag ja Musik (lacht). Ich habe aber auch noch andere Hobbies. Ich bin ein riesen Fußballfan und generell mag ich Sport sehr gerne, aber Musik gehört auch dazu, das war mein Hobby auch, klar.

Und ist der Beruf des Musical-Darstellers mit der Vorstellung einer klassischen Familie vereinbar?

Wenn man’s will, kriegt man das hin. Ja, man muss halt wieder diese Bereitschaft haben, aber dann nicht nur man selbst, sondern auch die Familie. Aber das wäre schon möglich, ja. Es ist ein bisschen schwerer vielleicht als wenn man in der gleichen Stadt fünf Tage die Woche arbeitet und normale Wochenenden hat, aber wenn man’s will, kriegt man es schon hin, klar.

Den Mozart hast du ja auch als Rolle ziemlich lange gespielt. Bekommt man auch irgendwann genug von dem Stück oder ist es so, dass man sich jedes Mal aufs Neue wieder darauf freut?

Naja, es ist schon schwer. Das kann ich schon sagen. Dass ich genug davon habe, das geht ein bisschen zu weit, aber das Allerschwerste ist für mich, sich jedes Mal wieder irgendwie auf zu laden oder so. Weil man auch will, dass das Stück jedes Mal irgendwie neu ist, damit das Publikum denkt, dass es auch eine frische Vorstellung kriegt.
Für manche Vorstellungen, wo ich mich nicht so wohl gefühlt habe, hat man einen Plan B oder C oder so, wie man manche Sachen singt, damit man nicht immer aufs Ganze geht. Aber in so einer Long-Run-Produktion ist es das aller Schwierigste, das irgendwie lebend zu halten und frisch zu halten. Manchmal wird es dann auch einfach doof gesagt ein Job, da muss man einfach leisten.
Aber wenn die Musik klingt und wenn die Leute applaudieren hat man auch wieder Energie. In manche Vorstellungen bin ich müde rein gegangen und dachte: „Oh, wenn ich fertig bin, bin ich noch müder.“ Aber das war dann nicht so, weil ich da Energie bekommen habe durch die Show oder die Leute.

Du hast ja jetzt am 30.6. deinen Solo-Abend hier in Oldenburg. Was gefällt dir denn besser, so ein Solo-Konzert oder eine Rolle zu verkörpern?

Beides eigentlich. Da kann ich keine Entscheidung treffen. In einer Rolle schlüpfen ist schön, weil man eigentlich alles machen kann. Man kann jeden zur Sau machen und jeder weiß: „Es ist nicht echt.“ Und dann hat man ganz viel Freiheit.
Mich selbst auf der Bühne zu präsentieren finde ich auch cool, weil man ganz viel Verantwortlichkeit trägt, weil man das Publikum so ein bisschen formen kann, wo es hingeht. Und man den ganzen Abend bestimmen kann, wo es lang geht und man die Atmosphäre bestimmen kann, das ist auch schon cool.
Also, das sind für mich auch zwei völlig unterschiedliche Sachen. Wenn ich hier zum Beispiel mein Lied „Gethsemane“ [das Solo-Lied in „Jesus Christ Superstar“, Anmerkung des Redners] singe und das singe ich auch in meinem Solo Konzert, dann sind das zwei völlig unterschiedliche Lieder für mich dann. Ja, ich find‘ beides cool!

Kannst du dir denn vorstellen, auch noch mal nach Oldenburg wieder zu kommen, wenn das Theater eine Rolle für dich hätte?

Ja! Hundert Prozent! Ja, sicher. Auch nur, weil das Theater so toll ist. Ich finde, diese Idee hier [der Theaterhafen, Anmerkung der Redaktion] ist auch hervorragend, man müsste es eigentlich jeden Sommer machen. Ja und es ist nah an meiner Familie, die schimpfen auch immer: „Du singst immer so weit weg! In Wien und in Shanghai…“ – „Ja, aber ich komm nach Oldenburg, das sind eineinhalb Stunden mit dem Auto.“ – „Ok, cool.“

Ja, nee, toll einfach! Wenn sie mich wieder haben wollen, dann sage ich auf jeden Fall „Ja“!

Dankeschön für das nette Gespräch!

 

Wenn ihr Oedo Kuipers live hier in Oldenburg sehen wollt, könnt ihr eine der Vorstellungen von „Jesus Christ Superstar“ noch bis zum 01.07.18 anschauen oder ihr kommt zu seinem Solo-Abend am 30.06.18! Mehr Infos und Karten gibt es auf http://staatstheater.de/!

Interview geführt am 25.05.2018 von Josefine Piezunka und Jana Kilian; Fotos von  Finn Ferguson