“Der Zerstörer” – Kurzgeschichte

Von Lisa L. Harbers – Der Himmel wurde von rot schlierigen Wolken in das alte, blassgraue blau des Tages und die neue Schwärze der Nacht geteilt. Die Sonne ging langsam unter, und der Tag neigte sich dem Ende zu. Kein einziges Licht brannte in der Stadt und von den sonst so geschäftigen Straßen war kein Laut zu hören. Die Stadt lag in Trümmern, Scherben der zertrümmerten Fenster, die sich in dem Rot der Sonne widerspiegelten, bildeten zusammen mit den zerstörten Gebäuden die Skyline. Es sah aus wie das Kunstwerk eines Siebtklässlers – krumme und schiefe Silhouetten von Gebäuden vor einem übertriebenen Grau-Rot-Kontrast.

Der Zerstörer hatte das Chaos nicht über die Stadt gebracht. Er hatte nur die Menschen getötet – mehr nicht. Die Trümmer der Stadt rührten von den Versuchen der Menschen, sich zu verteidigen. Aber es hatte nichts geholfen. Innerhalb von 72 Stunden wurden 7,5 Milliarden Menschen ausgelöscht. Er rechnete die Zahlen im Kopf durch. Das waren 2,5 Milliarden Menschen pro Tag, 104.166.666 Menschen pro Stunde, 1.736.111 Menschen in der Minute, 28.935 Menschen in der Sekunde. Der Zerstörer war effizient gewesen. Er hatte schnell getötet, schmerzlos und dennoch ohne Gnade. Er lachte leise. Die beste Erfindung der Menschen hatte zu ihrem Ende geführt.

Es war der erste Abend nach dem Ende der Welt, (oder dem Ende der Welt der Menschen) und der Zerstörer saß auf dem Dach eines Hochhauses, von welchem aus man die Stadt gut überblicken konnte, und betrachtete durch seine mechanischen Augen den Jungen, der vor ihm sah. Dieser war das letzte Exemplar des Homo Sapiens Sapiens, relativ klein, mit dunklen Haaren und dunklen Augen und so jung, dass er das Heranwachsen kaum vollendet hatte. Außerdem war er der Mensch, der den Zerstörer erfunden und erbaut hatte. Der Zerstörer, eine gnadenlose Tötungsmaschine, hatte nur ein Befehl: Die Menschheit zu vernichten. Und jetzt, in dem Moment, wo der letzte Mensch ihm mit der letzten Flaschen billigen Alkohols von der Tankstelle gegenüber saß, hatte er noch einen zweiten Befehl.

“Warte”

Der Zerstörer betrachtete den Jungen, indem er die Werte des Transmitters, der sie beide verband, damit der Junge ihn steuern konnte, auslas. Sein Puls war ruhig, genauso seine Atmung. Er schüttete kein Adrenalin aus, wie die anderen, die der Zerstörer getötet hatte. Dafür erkannte er schwache Salzrückstände auf der Wange des Jungen, die auf Tränenspuren schließen ließen. Das war ein Widerspruch. Tränen bedeuteten Trauer, und traurig waren Menschen, wenn etwas geschah, was gegen ihren Willen war. Aber der Willen dieses Jungen war das Ende der Welt gewesen. Und der Zerstörer hatte alles nach Protokoll ausgeführt. Bedauerte der Junge den Verlauf der Ereignisse? Oder war diese Art von Gefühl anders zu deuten?

“Ich will erklären, was ich getan habe. Wieso ich es getan habe.”, sagte der Junge schließlich. Obwohl seine Stimme heiser war, klang er ruhig und gefasst. Er nahm noch einen Schluck von dem Alkohol und verzog angeekelt das Gesicht. Der Geschmack war scheußlich. Aber bei den nächsten Stunden würde er einen alkoholischen Rausch gut gebrauchen können. “Wieso?”, antwortete der Zerstörer. Genau für dieses Gespräch hatte der Junge ihm ein Sprachmodul wie auch die künstliche Intelligenz eingebaut. Er hatte gewusst, dass er am Ende einen Priester brauchen würde, der seine Berichte abnehmen würde. “Ich hab keine Ahnung.”, gab der Junge zu. “Es soll ein Geständnis sein, eine Beichte. Beichten dienen dazu, um einen Menschen von Schuld zu reinigen. Aber ich denke, diese Schuld ist zu groß, um sie durch eine Beichte zu bereinigen.” Er sah in das kalte Metallgesicht des Zerstörers. Dieser blickte mit seinen künstlichen Augen schweigend zurück. “Ich will meine Gedanken klären, bevor ich sterbe.”, setzte der Junge zu einer neuen Erklärung an. “Durch ein Gespräch reflektiert man sich selbst, und durch Selbstreflexion erreicht man psychische Gesundheit. Und ich würde nicht so gerne als Psychopath sterben.” Der Zerstörer nickte. Eine simple Geste, die sein Modul für die Imitation von Körpersprache ihm vorschrieb. “Also gut…”, sagte der Junge seufzend, “für den Anfang, starte Protokoll 141b.” Der Zerstörer tat es, er aktivierte ein Programm, mit dem ein leises Stück von Schubert aus seinen Lautsprechern die Stille der toten Stadt überdeckte. Der Junge schwieg einige Sekunden, um der Musik zu lauschen und die Szenerie zu betrachten. Er hatte viele verschiedene Vorstellungen vom Ende gehabt, aber er hätte nie gedacht, dass es so schön werden würde. “Du hast Zugriff auf die wichtigsten Datenbanken der Menschheit.”, begann er dann, “greife darauf zu und definiere gut und böse.” Der Zerstörer schwieg einige Sekunden, während er die wichtigsten Daten zusammensuchte. “Ein äußerst komplexes Thema”, antwortete er dann. “Im allgemeinen lässt sich beides über das Handeln für oder gegen allgemein akzeptierte Moralvorstellungen definieren.” Der Junge nickte, genau diese Art von Antwort hatte er erwartet. “Okay, jetzt definiere Krieg.” “Eine oft über militärische Gewalt geführte Auseinandersetzung zweier Parteien”, gab der Zerstörer wieder. “Ja, da haben wir es doch”, sagte der Junge. “Gewalt. Definiere das.”
“Das Einsetzen von Stärke mit dem Zweck, jemanden zu etwas zu zwingen. Häufig nimmt dieser Jemand dadurch physischen oder psychischen Schaden.”
Der Junge nickte wieder. “Zufügen von Schaden. Ist das nach allgemeinen Wertvorstellungen gut oder böse?”
Der Zerstörer schwieg wieder über einige Sekunden. “Böse”, antwortete er dann schlicht.
“Gut”, sagte der Junge, seine Gesichtszüge ließen sich dabei nicht über die Parameter bestimmen, über die der Zerstörer verfügte. Die Muskeln seines Kiefers waren angespannt und die Augen waren ohne jegliche Akkumulation auf einen Punkt gerichtet, als würde er sich weniger auf das konzentrieren, das er sah als auf das, was er dachte, trotzdem waren seine Werte zu niedrig für jegliche anderen Anzeichen der Wut. “Und jetzt definiere den ganzen Rest. Mord, Raub, Missbrauch, Betrug, Tyrannei, Diskriminierung, Erpressung. Und sag dazu: Ent- oder widersprechen sie allgemeinen Wertvorstellungen?”
Der Zerstörer begann jeden Begriff zu definieren, einen nach dem anderen. Und nach jedem neuen Begriff schloss er, dass er den Wertvorstellungen widerspräche. Der Junge hörte aufmerksam zu, nickte nach jedem Schluss einmal und lächelte grimmig, als der Zerstörer geendet hatte.
“Und jetzt”, sagte er. “Nenne das Wesen, das laut der Datenbanken diese Verbrechen am meisten begangen haben.”
“Der Mensch.”, antwortete der Zerstörer.
“Ja. Siehst du? So ist der Mensch: Gefährlich, Böse. Er ist der Schlächter der Umwelt, des Guten und auch von sich selbst. Es war notwendig, seine Herrschaft über den Planeten zu beenden.”
“Error”, antwortete der Zerstörer.
“Was?”
“In der Argumentation ist ein Logikfehler.”
“Welcher?” Der Junge war verwirrt. Er hatte nicht erwartet, dass der Zerstörer ihm widersprechen würde.
“Du hast die Welt vom Bösen befreit. Bist du dadurch als ‘gut’ zu definieren?”
Der Junge sah ihn nachdenklich an, er nahm sich Zeit, bevor er antwortete. “Nein. Ich bin immer noch ein Mensch, wie alle anderen. Ich habe einen Mord begangen, an der gesamten Menschheit.”
“Du hast eine böse Handlung für ein gutes Ergebnis getätigt?”
“Ja.”
“Du warst böse, um etwas Gutes zu tun?”
Der Junge nickte. “Die Menschheit hätte sich früher oder später selbst zerstört. Ich habe ihr künftiges Leid erspart. Ich habe die Qualen der Menschen beendet.”
Der Zerstörer wandte den Blick von dem Jungen ab, um die Informationen zu verarbeiten. “Sind alle Menschen so zu beschreiben?”, fragte er dann.
“Wie?”
“Du bist ein Mensch, und als dieser gleichzeitig böse und gut. Ist das auf den Rest der Menschheit zu übertragen?”
Der Junge schüttelte den Kopf. “Keine Ahnung. Aber das ist nicht wichtig. Das Schlechte der Menschheit überwiegt… überwog. Das lässt sich an der Umwelt erkennen. Fast alle natürlichen Dinge des Planeten zerstörte der Mensch.” Er sprach lauter und schneller als normal und seine Werte erhöhten sich. Der Zerstörer schloss daraus, dass der Junge zornig wurde.
Er entgegnete nichts, sondern wartete darauf, dass der Junge weiter sprechen würde. Dieser seufzte irgendwann leise. “Also gut.”, sagte er, die erzwungene Regelmäßigkeit seiner Atmung deutete darauf hin, dass er Angst empfand. “Beende, wozu ich dich erschaffen habe. Führe deinen ursprünglichen Befehl zu Ende aus.”