“Another Brick In The Wall” – Kurzgeschichte

Von Maik Niederstein – Ich stehe vor einer unfertigen Ziegelmauer mit einer fertigen Tür in der Mitte. Die Maurer sind dort und arbeiten an der Mauer, schichten Stein für Stein von dem großen Haufen immer gleicher Steine, einer undefinierbaren Masse an roten Steinen, auf die Mauer. Noch arbeiten sie am Fundament, verkleben die Ziegel mit grauem Zement. Der Zement trennt die Steine, es gibt keine Berührungspunkte und doch sind sie fest verbunden. Kein Stein kann sich aus der Mauer lösen sobald der Zement getrocknet ist. Die Steine zu jeder Seite halten einander in Position, verbunden durch den zähflüssig grauen Kleber. Lieblos und routiniert wird eine neue Reihe Steine aufgeschichtet und durch Zement verklebt. Ich gucke auf die Uhr, es ist Zeit, mir öffnet sich die Tür. Als ich durchgehe fällt einem der Maurer ein Ziegel runter. Geräuschlos zerspringt der rote Stein auf dem harten Boden, hinterlässt nur Bruchstücke und Staub. Roten Bruchziegelstaub. Der Maurer nimmt sich einen neuen Stein.

Ich setze mich auf meinen Platz in der ersten Reihe. Hinter mir fällt die Tür zu, es klingelt. Da sitze ich in der ersten Reihe in diesem unfertigen Raum auf meinem Stuhl und bin still. Der Mann vorne fängt an zu reden. Ich gucke zu ihm auf, während er unaufhörlich redet. Ich gucke nach links und sehe ein Mädchen. Das Mädchen sieht ganz ruhig nach vorne, die Ohren weit offen. In den Ohren stecken gelbe Schwämme, die die Worte des Mannes vorne aufsaugen. Nach Bedarf kann das Mädchen die Schwämme auspressen und die Worte des Mannes fließen aus ihrem Mund und machen den Mann glücklich. Ich gucke nach rechts und sehe einen Jungen. Der Junge ist ebenso gebannt und schaut dem Mann vorne mit großen Augen zu. Nur seine Ohren sind noch weiter offen als die Augen, so offen, dass Teile der Worte des Mannes gleich wieder rausfließen. Ich schaue nach vorne, dort vorne wo der Mann weiter redet. Eine unaufhörliche Flut an Lauten und in dieser Flut sehe ich wie kleine Fische Worte schwimmen und Sätze und getragen von der Stimme des Mannes vorne schwimmen die Fische in die Ohren, knabbern hier und dort und vergraben sich drüben und legen ihre Eier gleich hinter dem Mund. Und wenn ich meinen Mund öffne kommen die geschlüpften kleinen Fische aus meinem Mund geschwommen, getragen von meiner Stimme. Ich glaube der Mann ist auch ein Maurer, denn er redet ständig davon ein Fundament zu errichten, damit darauf ein stabiles Haus stehen kann.

Ich sehe mich nach den Maurern um. Die Mauer, die unseren Raum umgibt ist halbfertig. Halbfertig wir, die wir in dem Raum sitzen. Nach links blicke ich und sehe das Mädchen. Immer wenn die Frau vorne gerade guckt ist sie ganz aufmerksam und schreibt fleißig mit, um auch ja keinen der kleinen Fische der Frau zu verpassen. Doch schaut die Frau nicht hin tuschelt sie und blickt immer in Richtung des Jungen. Des Jungen rechts von mir, dorthin drehe ich mich. Der Junge sitzt gelassen, gelangweilt in seinem Stuhl und klopft mit seinem Stift rhythmisch auf den Tisch. Er scheint das Getuschel nicht mitzukriegen. Die kleinen Fische nisten sich bei ihm nicht ein, sie schwimmen aus den Ohren gleich wieder raus. Mein Blick nach vorne. Die Frau redet lebhaft und versucht den halbfertigen Raum mit ihrer Stimme zu füllen, doch die Flut ist wässrig. Ich halte meine Hand hoch und lasse die Fische durch meine Finger rinnen. Dünn sind sie, hilflos, durchsichtig. Einer bleibt auf meiner Hand liegen und zappelt im Trockenen, dort wo die Welle der Frau ihn nicht erreicht. Ich inspiziere ihn genau und frage mich, was ihn so besonders macht. Mit meinem Zeigefinger schiebe ich ihn umher, während er dort ganz verzweifelt liegt, schaue genau hin. Vielleicht zu genau hab ich hingesehen, denn die Frau wird furchtbar wütend. Wütend beißende Fische strömen jetzt aus ihrem Mund und stürzen sich auf mich. Ich gebe mich geschlagen und lasse den kleinen, glitschigen Fisch frei. Links und rechts von mir lachen sie. Lacht ihr nur, denk ich und die Maurer zementieren einen weiteren Stein.

Die Maurer, denk ich. Ich? Oder die kleinen Fische, die sich da drüben, hier und dort, eingenistet haben. Die Maurer sind fast fertig, die Mauer steht fest. Robust umgibt sie diesen Raum, beinahe beschützend. Ich kann schon lange nicht mehr über die Steine hinweg gucken, dabei bin ich doch gewachsen. Nur roter Ziegel und grauer Kleber überall. Links von mir eine junge Frau. Hübsch ist sie, obwohl sie ganz angestrengt auf ihren Tisch schaut und schreibt. Ganz besorgt sitzt rechts von mir ein junger Mann und verhält sich ähnlich. Hinter ihren glasklaren und leeren Augen sehe ich die kleinen Fische und auf den Tischen erscheinen Abbilder von den kleinen Fischen. In blutroter Tinte erscheinen sie dort. In blutroter Tinte strömen sie aus knöchernen Stiften und die knöchernen Stifte werden von blutleeren Fingern gehalten. Ein Räuspern von vorne. Mit kritischem Blick sieht der Mann auf meinen Tisch herab. Meine blutrote Tinte hat keine Fische geformt, sondern Haie. Satt gefressene, hungrige Haie. Der Mann scheint Angst zu haben vor den Haien, denn er droht mit Hauen. Weit holt er mit der Faust aus. Wut und Angst mischen sich in seinem Gesicht als seine Faust beschleunigt wird. Ich ducke mich nicht weg, fasziniert beobachte ich wie sich die blutleeren Adern unter der Haut abzeichnen. Die Faust rast auf mein Gesicht zu und es klingelt. Die Faust öffnet sich ihm letzten Moment und hält mir ein Blatt Papier ins Gesicht. Ich nehme es und stehe auf. Auf dem Blatt bin ich. Blutrote Zahlen bilden mich aus Sicht der kleinen Fische und die kleinen Fische haben keine gute Sicht auf mich. Links und rechts von mir halten die jungen Frauen und Männer ähnliche Blätter in den Händen. Traurig oder glücklich, wütend oder zufrieden schaut man auf die blutroten Zahlen, die uns zeichnen und sie zeichnen ein trauriges Bild. Auf die Tür gehe ich zu und als ich die Klinke drücke setzt ein Maurer einen letzten Stein in die Mauer und aus der Mauer wird eine ganze Wand. Den Stein verklebt er mit dem zähflüssigen, grauen Zement. Auf dem Stein steht in blutroter Schrift, kaum erkennbar auf dem roten Ziegel, mein Name. Ein weiterer Stein in der riesigen Mauer, so viele Steine sind in dieser Mauer eingeschlossen. Auf welchem stand noch gleich mein Name? Ich trete durch die Tür und vor mir öffnet sich die graue weite Welt mit unendlich vielen Türen. Bewaffnet bin ich allein mit dem Blatt Papier mit den Zahlen, die ich bin. Unendlich viele Türen gibt es dort draußen und unendlich viele Türen sind mir verschlossen. Die Zahlen, die ich bin, öffnen kein Schloss, ich kenne nur Riegel. Verwundert blicke ich zurück auf die Mauer in der irgendwo mein Name steckt. Zu gern würde ich diese dämliche Mauer einreißen, doch eine Welle erfasst mich und trägt mich mit. Hilflos sehe ich zu wie die Flut mich erfasst. Und die Flut besteht aus diesen kleinen Fischen und sie tragen mich weg von dieser Mauer mit meinem Namen drin.

Anmerkung des Autors: Wenn ihr es nicht gemerkt habt, es geht um das Schulsystem und die Erfahrungen eines angehenden Abiturienten, also mir. Die Geschichte wurde vom echten Leben und dem genialen Pink Floyd Song ,,Another Brick In The Wall” inspiriert.